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Day of Song - Der Musikverein in der Schalke Arena


Bobby McFerrin und der Musikverein Gelsenkirchen
Bobby McFerrin und der Musikverein Gelsenkirchen
Das größte mehrstimmige Chorkonzert der deutschen Musikgeschichte

Es war ein Tag voller Musik, Emotionen und Leidenschaft. Der „Day of Song“ am 5. Juni wird einen besonders nachhaltigen Eindruck in der langen Geschichte des Chors hinterlassen. Es war eine musikalische Hauptrolle, die neben vielen anderen Chören auch der Musikverein übernommen hatte: Der gesangliche Höhepunkt im Kulturhauptstadtjahr 2010. Über zwölf Stunden lang gingen immer wieder dieselben Melodien durch den Kopf. Zwar ist der Vormittag auch für durchtrainierte Stimmen stark gewöhnungsbedürftig, doch zeigten die Mitglieder, dass sie auch morgens schon auf Touren kommen können. In T-Shirts mit dezentem Blau und gelbem Schriftzug gab der Chor vor dem Stadttheater schon äußerlich ein einheitliches Bild ab. Und dass die Harmonie nicht endet, wenn’s ans musikalische Werk geht, zeigte der Chor eindrucksvoll.

Man ertappt sich mitunter ja dabei, die eigene Leistung schlechter zu beurteilen, als es die Zuhörer empfunden haben. Doch wenn man die zufriedenen Gesichter der Besucher, deren rhythmisches Mitwirken und den anschließenden Applaus als Maßstab nimmt, lagen wir mit der Auswahl der Lieder goldrichtig. Die grazilen Körperbewegungen vieler junger Besucher nahmen bei „Maseru“ fast afrikanische Ausmaße an.  Auch das beschwingte „Once Again“ traf den musikalischen Nerv der Menschen. Und dass harmonischer Wohlklang auch vom Gelsenkirchener Publikum geschätzt wird, war bei „Drei schöne Dinge fein“ zu spüren. Vielleicht drückten die Musikfreunde mit ihrem Applaus auch nur aus, dass sie liebliche Musik, einen freundlichen Anblick und einen guten, frischen, kühlen Wein ( in unserer Region eher ein kühles Blondes) wie wir zu schätzen wissen.

Die musikalische Fortsetzung für Jedermann gab’s danach im Foyer, die für die körperliche Frischzellenkur in einer der benachbarten Kneipen oder in Gartenlokalen.
Die Fahrt mit der Straßenbahn in Richtung Arena glich einer vorgezogenen Generalprobe. Im vorderen Wagenteil sang sich ein Chor aus Bochum ein, hinten stimmten Essener Sangesfreunde die Einsätze ab. Nur einem jungen Wilden, der sich ohnehin wunderte, wohin die alle wollten, schien die Musik gar nicht zu passen. „Muss ich das noch länger ertragen, ihr steigt doch hoffentlich bald aus“, raunzte er die fahrenden Sänger an.

Draußen bewegten sich die Massen in Richtung Arena. Die Aktiven waren schnell an ihren bunten Hemden, poppigen Halstüchern oder auch dezenterer Einheitskleidung zu erkennen. Das Kulturhauptstadtbüro hatte ganze Arbeit geleistet. Die ehrenamtlichen Helfer waren freundlich, kompetent und immer zur Stelle, auch wenn ein bekennender Dortmunder den ständigen Anblick der Arena kaum ertragen konnte. Fresspakete, Getränke im Überfluss, Obst und andere Leckereien entschädigten für die Sauna-Atmosphäre im Massenzelt. Ein sanfter Drill mit Kasernen-Charakter war nicht zu verkennen, als sich die Sänger nach und nach aus ihren Zeltecken in Richtung Ausgang bewegten und im dezenten Marschtempo die Zugangstunnel als Sängerschleuse zur Arena ansteuerten.

Dort, wo die Schalker mal mehr und mal weniger zu Sturmläufen ansetzen, gaben Sängerinnen und Sänger mit ihren fantasievollen Trikots ein buntes Bild ab. Steven Sloane, der Chef am Pult, war nicht nur der unumstrittene musikalische Zampano, er verkörperte mit seinem dauerhaften Strahlen auch das Glücksgefühl, das wohl alle Aktiven empfanden. Das steigerte sich vor allem bei vielen jungen Sängerinnen, als der charmante jamaicanische Improvisationskünstler Bobby Mc Ferrin auftauchte. Schon bei der Probe bewies er, in welche Untiefen er mit seiner sonoren Bassstimme eintauchen kann. Um so deutlicher machte er, dass ihm die Notierung bei Let it be weniger passte. „It’s zu high“, hauchte er ins Mikro und teilte so musikalisch seinen stimmlichen Grenzbereich mit.

Day Of Song in der Schalke Arena
Christian Jeub, der Opernchor des MiR


Allmählich füllten sich die Ränge. Dann wurde man zum erstenmal von dem überwältigenden Gefühl mitgerissen: 60 000 Stimmen verwandelten die Arena mit dem Steigerlied „Glückauf“ in einen grandiosen Klangteppich. Man hatte das Gefühl, dass sich auch unter den Besuchern nur Sänger befanden. Keine Misstöne,  ein erstaunlich sicheres Taktgefühl herrschte  auch auf den Rängen. Und wie vielseitig interessiert das Publikum war, konnte man an der Begeisterung für Künstler feststellen, die völlig unterschiedliche Musikrichtungen interpretierten. Sei es für die stimmgewaltige Veselina Kasarova (Carmen Habanera) oder die Popfürsten von Wise Guys (Und es war Sommer). Emotional am meisten berührte viele Aktive sicherlich die Volksweise „Am Brunnen vor dem Tore“ und das Halleluja. Die Schönheit und wohltuende Harmonie der Schubertschen Komposition des Lindenbaums wirkten wie Streicheleinheiten für die Seele. Dramatik, Lobpreisung, unendliche Kraft verkörperte das gewaltige Werk Händels durch den größten Chor, der vermutlich je den Messias interpretiert haben dürfte. Und bei Beethovens 9. konnten auch manche Unstimmigkeiten unter den Chören den positiven Gesamteindruck der Besucher nicht trüben. Na ja, bei dem schwierigen Werk werden Fehler schon mal verziehen. Dafür bewiesen Besucher und Chöre, dass sie Herbert Grönemeyers eigenwillige Komposition „Komm zur Ruhr“ fast fehlerfrei singen können. Zumal der Auftritt des Massenchors einen unschätzbaren Vorteil hatte. Man konnte Text und Melodie in Einklang bringen, ohne vom abgehackten stimmlichen Geseufze des Originalinterpreten gequält zu werden.

Musikalisch mit eindrucksvoller künstlerischer Leistung vollgestopft und mit Gefühlen überwältigt ging’s dann auf die Heimreise. Bauch, Stimme und Seele waren noch lange in der Halle. Der Abschied fiel schwer von einem Tag, dem man am liebsten kein Ende gewünscht hätte.

(Klaus Johann)

 

Weblinks zum Day Of Song:

 

Fotogalerie: Day Of Song


center.tv vor Ort in Gelsenkirchen:

Chorprobe zum Day of Song in Gelsenkirchen, Teil 1/3
Chorprobe zum Day of Song in Gelsenkirchen, Teil 2/3
Chorprobe zum Day of Song in Gelsenkirchen, Teil 3/3

 
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